1 Jahr Museums-Depot in Primisweiler

18.12.2019 Wangen im Allgäu. Das Schaudepot nimmt Gestalt an – Einzelne Stücke erzählen spannende Geschichten

Rund ein Jahr ist vergangen, seit das Haus Titscher in Primisweiler fertiggestellt ist und als Museums-Depot bezogen wird. Viel hat sich seither getan.

Wer die Eingangshalle betritt, glaubt in einer Allgäuer Stube zu sein. Eine Bank mit gemütlichem Kissen ein alter Schrank und ein – derzeit weihnachtlich geschmückter Tisch – laden zum Verweilen ein. „Wir wollen das Museums-Depot künftig auch Besuchern zeigen. Das heißt, der Vorraum dient dann auch dem Ankommen und der Begrüßung der Gäste“, sagt Irina Leist, die in Diensten der Stadt gemeinsam mit Stadtarchivar Dr. Jensch, Bauhofmitarbeitern und freiwilligen Helfern einen großen Teil der Arbeiten im Depot erledigt.

Der nächste, große Raum im Erdgeschoss wird also künftig als Schaudepot dienen. In den Raum sind schmale Zwischenwände eingezogen worden, die drei kleinere Räume voneinander trennen. Dort können künftig Objekte zu unterschiedlichen Themen aus dem Lagerbestand, der sich im ersten Stock des Gebäudes befindet, gezeigt werden. Dass in diesem Raum auch richtig gearbeitet wird, verrät nicht nur der Computer, an dem die einzelnen Objekte inventarisiert werden können. Zwei schwarze Wände trennen einen geschlossenen Raum vom Schauraum. „Das ist der Schwarzraum. Dort werden neue Gegenstände in Quarantäne genommen und gegebenenfalls behandelt, um Schädlinge zu beseitigen“, sagt Irina Leist. So soll vermieden werden, dass Motten, Silberfischchen oder anderes Getier in das Depot eingeschleppt werden.

Besonders glücklich ist die Restauratorin über die von der Landesstelle für Museumsbetreuung geförderte Gefriertruhe, denn sie ermöglicht durch Schockfrosten bis minus 45 Grad eine schnelle und nachhaltig wirksame Bearbeitung alter Schätze. Sind sie in einem lagerfähigen Zustand, werden die mit einer Inventarisierungsnummer und dem zugehörigen Jahr fotografiert und können dann ins System eingepflegt werden. An die 5000 Fotodateien sind so in kurzer Zeit entstanden, und allein 2019 wurden 2534 Objekte inventarisiert. Dabei werden dem Gegenstand möglichst viele Zusatzinformationen mitgegeben – Herkunft, Entstehung, Künstler oder Nutzen – eben alles was bekannt ist. Ziel ist es, diese Daten irgendwann online zur Verfügung zu stellen, damit auch andere Museen, interessierte Laien oder Wissenschaftler darauf Zugriff haben können. Ein weiterer Arbeitsraum ist im Erdgeschoss des Gebäudes untergebracht. Derzeit liegt eine der vielen Wangener Schützenscheiben auf dem Tisch, an dem Restauratorin Irina Leist arbeitet.

An hohen Gittern hängen zahlreiche Schützenscheiben. Sie dokumentieren viele Wangener Geschichten. Foto: Stadt Wangen

Eine ganze Menge mehr davon hängen im großen Raum im ersten Stock an hohen Gittern und zeigen eine große Vielfalt an Motiven, die teilweise städtische Geschichte(n) festhalten. In großen Schränken und auf langen Regalen lagern in der ersten Etage auch unzählige Gegenstände vom Esszimmerschrank über Spinnräder bis hin zur Mühlsteinzange, mit der die schweren Steine bewegt werden konnten. In geschlossenen Schränken lagern Gegenstände, die wiederum – auch bei bester Behandlung – Ziel von Schädlingen sein könnten. „Dazu zählen vor allem Stücke aus Stoff oder Leder“, sagt Irina Leist und zieht eine Schublade auf, in der Feuerwehrhelme und Ledergurte lagern. Das Leder in den Helmen könnte befallen werden. Deswegen werden sie eingeschlossen – ebenso wie beispielsweise die Hutschachteln im Schrank nebenan.

Die Hutschachtel aus dem Hause Isaak wird aufbewahrt, obwohl sie kaputt ist. Sie ist der Geschichte eines Mordes verbunden: Heinrich Isaak hat seine Frau erschossen. Foto: Stadt Wangen

Wer glaubt, nur perfekt erhaltene Stücke würden aufbewahrt, der hat sich getäuscht. Auch ein schadhaftes Objekt kann bleiben, wenn es eine interessante Geschichte zu erzählen hat. Zum Beispiel die Hutschachtel, auf der der Name von Heinrich Isaak vermerkt ist. Dass sich bei „Wangen i. Algäu“ der Druckfehlerteufel eingeschlichen hat, ist dabei nachrangig. Als Irina Leist und Dr. Rainer Jensch überlegten, was mit der Schachtel geschehen sollte, forschte der Stadtarchivar nach, welche Rolle Heinrich Isaak früher spielte. Tatsächlich ist der Mann in die Wangener Geschichte als Mörder seiner Frau eingegangen. Er schoss auf die am offenen Fenster stehende Frau, sodass sie in die Tiefe stürzte. Um sicher zu gehen, dass sie aus seinem Leben verschwinden würde, lehnte er sich mit seiner Waffe aus dem Fenster und drückte noch einmal ab, erzählt Irina Leist. „Durch die Hutschachtel ist die Geschichte mit einem Objekt verbunden und bleibt präsent“, sagt sie.

Unterstützt wird die Stadt Wangen für ihre Bemühungen mit Fördergeldern der Landesstelle für Museumsbetreuung mit insgesamt 25 000 Euro sowie mit Geldern der EU über das LEADER-Projekt „Schaudepot“.

Im Quarantäneraum lagern Gegenstände, bevor sie ins Depot genommen werden. So soll gesichert werden, dass keine Schädlinge ins Museums-Magazin gelangen. Foto: Stadt Wangen / Irina Leist

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