Antisemitismusbeauftragter bleibt – trotz allem – optimistisch

11.10.20021 Wangen im Allgäu. Sehr gut besucht war die Veranstaltung zum Thema Antisemitismus mit dem Beauftragten der Landesregierung, Dr. Michael Blume im dorfgemeinschaftshaus in Deuchelried. Eingeladen hatte Landtagsabgeordnete Petra Krebs über ihre Initiative „Landkreis Ravensburg – nazifrei“ im Rahmen der Interkulturellen Woche 2021.

Petra Krebs mahnte, dass Gewalt und Hetze kein, auf den städtischen Raum begrenztes Phänomen sei, sondern auch in Wangen vorkomme. Sie erinnerte an Hakenkreuzschmierereien am Jugendhaus Tonne und an der Gemeinschaftsunterkunft am Herzmannser Weg und sagte: „Das dulden wir nicht.“

Bevor der Politik- und Religionswissenschaftler Michael Blume ins Thema einstieg, begrüßte ihn der Nachwuchs-Imam des Deutsch-türkischen Begegnungszentrums am Kanalweg, Mehmet Sen. Er stellte sich vor als 24 Jahre alt, in Wangen geboren und aufgewachsen.

Derzeit studiert er in Weingarten Wirtschaftsinformatik und ist leidenschaftlicher Fußballer. „Ich möchte unsere Solidarität mit der Bevölkerung jüdischen Glaubens in Deutschland und in der Region bekunden“, sagte er.

Und an Michael Blume gewandt: „Ich kann versichern, dass Sie uns im Kampf gegen Antisemitismus an Ihrer Seite haben.“ Herzlicher Applaus folgte.

Eine Zusage, die Michael Blume sehr freute, denn im Allgemeinen konstatierte er zu Beginn seines kurzweiligen Vortrags: „Der antijüdische Hass wird nicht satt.“

Und noch schlimmer: Der Antisemitismus sei wie ein Generalschlüssel. „Es fängt bei den Juden an. Dann trifft es weitere Gruppen.“ Gerade in den letzten Monaten habe man dies deutlich im Zusammenhang mit Corona sehen können, als Verschwörungstheorien das Internet und auch auf Straßen die Runde machten. Aber woher kommt es, dass seit Jahrhunderten die Juden immer wieder vom Hass anderer Gruppen betroffen sind?

Noahs Sohn Sem habe als Erster, Kindern lesen und schreiben beigebracht. Die große Neuerung des Hebräischen gegenüber Keil- und anderen Schriften seien die Buchstaben gewesen. Und bis heute werde bei der Bar Mizwa, das jüdische Kinder mit zwölf und 13 Jahren feiern, darüber gejubelt, dass sie korrekt aus der Thora mit ihren 304 805 Schriftzeichen vorlesen können.

Während in Europa der Buchdruck mit beweglichen Lettern durch Gutenberg erfunden und vielfach genutzt wurde, verbot die islamische Welt 1485 den Buchdruck. „Die Folge: die islamische Welt bleib stabil“, wie Blume formulierte. In der islamischen Welt konnten nur wenige Menschen lesen und schreiben. So verwies er auf den Einzug Napoleons in Ägypten. Damals hätten die Europäer zu 50 Prozent lesen können, unter den Ägyptern sei es ein Zehntel gewesen.

Es seien nicht nur positive Botschaften mit dem Buchdruck verbreitet worden. Es habe Bilder von Frauen und Juden gegeben, die den Hexensabbath feierten. Solche Mythen würden auch heute noch verbreitet, sagte Blume und verwies auf einzelne Protagonisten der Pop-Kultur und des Internets. Und gar nicht selten komme es dann auch zur Täter-Opfer-Umkehr. So zitierte er einen Schweizer, der die ebenso perfide wie irrwitzige Idee verbreitete, die Juden hätten die Nazis zur Judenvernichtung gezwungen, um die Gründung des Staates Israel zu verhindern.

Alle Religionen müssten jedoch laut Blume vor ihrer eigenen Tür kehren. Denn es seien immer wieder Radikale einer Religion gewesen, die eigene fortschrittliche Protagonisten ermordet hätten. So wurde Israels Staatspräsident Isaac Rabin von einem orthodoxen Juden, Dr. Martin Luther King von einem radikalen Christen und Anwar as-Sadat von einem irregeleiteten Muslim ermordet.

Und doch schloss Blume mit einem positiven Fazit: „Egal, wo ich hingehe, sind die Säle voll. Die allermeisten Menschen wollen den Hass nicht.“ Es gebe viel Unterstützung aus dem Parlament, aus der Gesellschaft, aus Vereinen und anderen Gruppen. Deshalb konnte er seinen Vortrag mit Satz beschließen: „Diesmal werden sie es nicht schaffen, die Demokratie zu zerstören.“ Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung mit wunderschönen jiddischen Liedern von Maria Aanelli und Hans-Christian Hauser am Klavier.

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